Die Künstlerin

Ein kleines Lied, wie geht’s nur an,
daß man so lieb es haben kann,
was liegt darin? Erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
ein wenig Wohllaut und Gesang
und eine ganze Seele.

Marie von Ebner-Eschenbach
„Das stille Mädchen das laut werden wollte….“

Als Kind war ich ein sehr stilles Mädchen, so still, dass meine Mutter sogar öfters gefragt wurde, ob ich den taubstumm sei. Innerlich aber fühlte ich mich sehr laut und wollte diese innerliche Welt zum Ausdruck bringen, nach Außen. Ich konnte mir schöne Klänge vorstellen, es waren aber keine Bilder, die vielleicht zur Malerin hätten mich werden lassen können, oder schöne Worte um Dichterin zu werden. Das war die Sprache der Musik, die Kunst mit der ich mich am meisten identifizieren konnte. Mit sieben Jahre begann ich Klavier zu spielen. Es war schön, aber daß Instrument war nicht ich, sondern dieser gebaute Kasten, der seinen eigenen Ressonanzkörper hatte. Ich probierte manchmal zu singen, aber es war schrecklich…, es klang falsch, diese Klänge, die, die ich mir innerlich so schön vorstellen konnte, waren ganz weit weg. Andererseits aber war meine Neugier sehr geweckt, denn ich spürte, wie meine Stimme ganz laut werden wollte – sie musste nur befreit werden. Ich begann Gesangsstunden zu nehmen, die Arbeit an meinem eigenen Instrument faszinierte mich sehr.

Ich war 16 oder 17 Jahre alt, als ich in der Kirche den Einleitungsgesang für die Ostermesse singen durfte. Es war ein gregorianischer Gesang, neu bearbeitet von Gregori Estrada, den ich A cappella und im Dunkeln gesungen habe. Es dauerte fünfzehn Minuten. Am Ende war die Kirche ganz still, es gingen die Lichter an und auf einmal man sah ich, wie die Tränen aus den Augen des Priesters flossen. Es war sehr schön, die Emotionen über die Stimme und die Wörter übertragen zu können. Ab diesem Moment war mir klar, dass ich durch den Gesang vieles dem Publikum vermitteln kann. Zuerst nahm ich Gesangsunterricht bei der Sopranistin Maria Theresa Garrigosa in Barcelona. Es faszinierte mich nicht nur die Arbeit an der Stimme, sondern auch die Interpretation der Texte durch den Gesang. Eines meiner ersten erlernten Kunstlieder war nicht nur schön wegen des Bogens der Melodie, sondern auch wegen des Textes.

Wie Melodien zieht es
mir leise durch den Sinn,
wie Frühlingsblumen blüht es
und schwebt wie Duft dahin.

Doch kommt das Wort und faßt es
und führt es vor das Aug’,
wie nebelgrau erblaßt es
und schwindet wie ein Hauch.

Und dennoch ruht im Reime
verborgen wohl ein Duft,
den mild aus stillem Keime
ein feuchtes Auge ruft.

Klaus Groth (Johannes Brahms; op.105, No.I,1886)

Bald konnte ich meine ersten Soloprogramme mit Kunstliedern singen, wie im Jahr 1996 Werke von Mozart, Schubert, Fauré und Mompou. Ich durfte bei vielen Meisterklassen singen und mir den Rat von vielen Persönlichkeiten holen, wie Jane Manning, Kym Amps, Marie-Claude Vallin, Thomas Quasthoff, Rinaldo Alessandrini, oder von Angelika Kirschlager und Kurt Equiluz. In den Jahren in Barcelona sang ich bei vielen Gesangsformationen. Danach in Wien, war ich Ensemblemitglied des „Arnold Schönberg Chor“, „Concentus Vocalis“ und „Neue Oper Wien“.

Aktuell singe ich Soloprogramme mit dem Schwerpunkt Zeitgenössische Musik. So etwa im Jahr 2004, wo ich für ein Symposium der Musikuniversität, Lieder des kubanischen Komponisten Alejandro Garcia Caturla sang, welche zum ersten mal in Österreich zu hören waren. Im Jahr 2019, zum Anlass des 100.Geburtstag von Gottfried von Einem, war ich an mehreren Konzerten beteiligt. In einem Soloprogramm waren Lieder von Gottfried von Einem und Franz Schubert zu hören. Diese Reihe von Konzerten, in Verbindung von Gottfried von Einem und anderen Komponisten, wird fortgesetzt.